Bericht vom BFK 4/2009 in Locarno-Magadino

von Thomas Kubli

Kunstflug und Intuition

Samstag Morgen, das letzte morgendliche Briefing im BFK-Kunstflug ist vorbei. Freundliche Gesichter, gute Stimmung, der Lagerleiter Christian Schmid ist bereits jetzt zufrieden mit der guten Ausbeute an bestandenen Prüfungen und weitere Absolventen kommen heute wohl noch dazu.

Die Schleppmaschine röhrt, dann ist die erste ASK-21 in der Luft und wird von Marco Foery in weitem Bogen über den Lago Maggiore geschleppt, über das Delta von Ascona, dann entlang den Hängen des Monte Tamaro. Heute ist die Luft wieder ruhig, der Nordwind hat nachgelassen und es rumpelt nicht wie an den letzten beiden Tagen. - Die ganze Woche eitler Sonnenschein ermöglichte jeden Tag ein volles Flugprogramm. Dank Beatrice Echter's umsichtiger Bodenorganisation wird unermüdlich alle 8 Minuten eine Maschine von Marco Foery, Peter von Burg sowie weiteren Piloten in die Luft geschleppt. So kann die Kunstflugbox optimal ausgelastet werden. Die 21 Kursteilnehmer mit ihren erfahrenen Fluglehrern kommen zu ihren Trainingsflügen. - Nun auf 1300 m über Grund wird geklinkt, die Kunstflugchecks werden gemacht.

Die ASK ist mit Bleiplatten am Heck beschwert, die Vrille, das Renversement, der Looping und Steilkreise sollen beherrscht werden. Bei Meisterung dieser Figuren zusammen mit einer Ziellandung ist auch die Prüfung bestanden. Theoretisch ist das überhaupt kein Problem, bestens beschrieben im Flughandbuch des Musters oder in einschlägiger Literatur fragt man sich vielleicht, wozu eine Kunstflug-Schulung nützlich ist. Praktisch befindet sich die Kunstflugbox über dem Ticino entlang der Graspiste. Locarno hat zwei Graspisten und eine Hartbelagpiste. Ein reger Flugbetrieb wird vom Tower kontrolliert. Der Kunstflug wird beim Tower angemeldet und dann kann es losgehen. Das Flugzeug in der Achse gegen einen Punkt am Horizont ausgerichtet, wird die Fahrt langsam zurück genommen, Seitenfuss, Knüppel langsam nach hinten ziehend reisst die Strömung am Innenflügel plötzlich ab, das Flugzeug schlingert, taucht ab, Kopf nach unten, dreht sich - gewollt...

Unvorbereitet hätte nun wohl der Adrenalinspiegel die vernünftige Reaktion verhindert, Panik hätte die Überhand gewonnen und intuitiv würde der Knüppel gezogen - dies hilft bei dieser Situation nicht weiter. Genau so erging es mir rückblickend anfangs Woche beim ersten Flug. Die notwendigen Eingriffe hatte ich bestens studiert und memoriert, das Einleiten der Vrille im SAGA-Fox klappte vorzüglich, die Nase stürzte dann jedoch etwas überraschend steil in die Tiefe, das Flugzeug drehte sich dynamischer als bekannt, das Zählen der Umdrehungen klappte noch knapp, dann vor Ende des 3. Umgangs die entsprechenden Ruderbewegungen, Drehung gestoppt - aber dann ging es munter weiter, was nun? - nach weiteren 3 Umgängen stoppte der Fluglehrer das Trudeln (mittlerweile sicher auch aus dem Winterschlaf erwacht). "Hesch es medizinischs Problem?" - "Mir nicht bekannt." - "Wieso machsch denn nüt?" - "Habe doch (wie im Buch beschrieben und besprochen) die Ruder betätigt!" - "Das Seitenruder schon, aber das Höhenruder kaum. Hast wohl einen Overload gehabt." - "Das ist sicher so." Beim ersten Flug der Saison in einer neuen Umgebung, einem neuen Flugzeug, klappt es noch nicht ganz wie im Büchlein geschrieben. Es folgen Renversement und Looping, dann ist die Höhe verbraucht und wir landen.

Bei der Nachanalyse am Boden zusammen mit dem Fluglehrer wird mir bewusst, dass ich trotz besserem Wissen intuitiv den Knüppel sofort wieder an mich ziehe, wenn die Flugzeugnase übermässig gegen den Boden zeigt. Die Intuition, welche mir schon zu manchem Aufwind verholfen hat, übersteuert in diesem Fall problemlos mein vernünftiges Wissen. Den Knüppel in Absturzrichtung zu bewegen, verlangt von mir entschlossene Selbstüberwindung. Da sind noch einige Übungsflüge notwendig, bis die Vernunft in dieser Situation die Überhand gewinnt. Ein unsicheres Gefühl verbleibt im Moment. Ist diese Drehung wirklich in jedem Fall zu stoppen?

In zahlreichen Flügen und in vielen Diskussionen mit den Fluglehrern und Kursteilnehmern reift langsam aber sicher die Fähigkeit die Fluglage jeweils genau zu analysieren, für Kunstflugfiguren entsprechend hohe Geschwindigkeit zu halten, den (gebirgigen) Horizont als Bezugsebene zu benutzen und damit die einfachen Kunstflugfiguren Renversement, Looping, Steilkreise und die Vrille sicher und beherrscht zu fliegen. Die neu erworbenen Figuren machen immer mehr Spass und was zu Beginn der Woche noch ein unüberwindbarer Kampf war, gedeiht mittlerweile zu einer freudigen Bewegung. Dabei wächst auch das Gefühl der Sicherheit und Beherrschung der Flugbewegung. Auch wenn bloss 2 bis 3 eigene Flüge pro Tag absolviert werden können, verhilft die fortlaufende Beschäftigung und Beobachtung der Flüge bei allen Teilnehmern zu guten Fortschritten. Dies ist nur in einer solchen Intensivwoche möglich. Die selbständigen Flüge gegen Ende der Woche zeigen den Fortschritt der Piloten.

... Am Ende dieser Schulungswoche fliegt nun der Pilot ganz anders als zu Beginn. Er weiss, dass er das Trudeln sicher beenden kann, erkennt die Drehrichtung der Vrille, lässt das Flugzeug zuerst drehen, bringt rechtzeitig zur Ausleitung auf die volle 3. Drehung das Seitensteuer und ist sich mittlerweile gewohnt, dass die Strömung am Flügel wieder unmittelbar anliegt, wenn er den Knüppel genug weit nach vorne stösst. Er hat auch seine intuitiv falschen Reaktionen überwinden gelernt. Es macht ihm Spass, diesen Flugzustand zu erleben und präzise zu beenden, das Flugzeug abzufangen, bevor es übermässig Geschwindigkeit aufnimmt. Für das Renversement holt er wieder Geschwindigkeit auf, orientiert sich am Horizont und an der Flügelfläche über die er drehen will, fliegt senkrecht nach oben, gibt energisch Seitensteuer - das Flugzeug dreht sich in schwereloser Lage - herrlich, senkrecht nach unten, fängt der Pilot die Geschwindigkeit im grünen Bereich ab. Und dann das Gleiche auf die andere Seite. Es folgt der Looping, die G-Belastung ist er sich mittlerweile gewohnt, verliert die Orientierung nicht, wenn die Welt Kopf steht, leitet in die Flugachse aus. Die 3 Steilkreise macht er innert 30 Sekunden. Weil er das Flugzeug am Horizont kontrolliert, ist ihm dies kein Problem mehr. Den Kunstflug beim Tower abgemeldet, gelingt ihm nach dem Abkreisen auch die Ziellandung. Zwei solche Flüge und die Prüfung ist unter Beobachtung des entscheidenden Experten Peter Bregg und zahlreichen weiteren Beobachtern bestanden.

Anschliessend an diese Kunstflugwoche dürfen nun die 13 erfolgreichen Prüfungsabsolventen auch selbständig an diesen Figuren weiter feilen. Denn natürlich ist nach einer Woche Schulung noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber ein Anfang ist getan. Dass es über die einfachen Figuren hinaus noch fast unendlich viel zu lernen gibt, zeigten einige Demonstrationen der erfahrenen Fluglehrer bereits am ersten Tag. So gibt es denn in diesem Lager nicht nur Kunstfluganfänger sondern auch einige Teilnehmer, welche als ein- bis vielfache Wiederholungstäter im Frühling ins Tessin kommen, um unter Anleitung eines entsprechend erfahrenen Fluglehrers weitere Figuren und Programme zu erlernen. 2 Teilnehmer konnten denn auch erfolgreich die Prüfung für höheren Kunstflug abschliessen. Ausserdem wurde eine amtliche Prüfung durch einen wiedereinsteigenden Piloten abgelegt. Das Teilnehmerfeld setzt sich fliegerisch sehr vielfältig zusammen. Die Piloten weisen ein Spektrum von 23 bis 2000 Stunden Flugerfahrung auf. Viele Piloten haben mehrere 100 Flugstunden und möchten in diesem Kurs etwas dazulernen. Vielleicht gibt es sogar einige, welche in Zukunft an Kunstflugwettbewerben teilnehmen? Eine Mitgliedschaft bei der SAGA ermöglicht unter anderem das Fliegen mit B4 und Fox.

An dieser Stelle möchte ich im Namen aller Teilnehmer den Fluglehrern Christian Schmid, Manfred Echter, Adrian Sieber, Ralph Bader, Philippe Küchler, Fritz Krieger und Peter Bregg, welche diesen Fortschritt aller Teilnehmer mit ihrer Kompetenz ermöglichten, ganz herzlich für ihren tollen Einsatz danken. Einen schönen Blumenstrauss des Dankes überreiche ich Beatrice Echter. Auf Grund ihrer umsichtigen Bodenorganisation blieb es bei gegenseitigen Sticheleien der flugwütigen Teilnehmer, wenn es um die Startreihenfolge ging und das Optimum konnte mit der vorhandenen Zeit herausgeholt werden. Die unermüdlichen Marco Foery und Peter von Burg sowie weitere Schlepppiloten ermöglichten insgesamt rund 250 Starts auch bei böigen Verhältnissen. Die Gastgebergruppe Vola a Vela Ticino hat uns sehr freundlich aufgenommen und auch noch Flugzeuge zur Verfügung gestellt. Last but not least sei auch die Unterstützung des Segelflugverbandes erwähnt. Dies ist mit Sicherheit sinnvoll investiertes Kapital. Allen unterstützenden Personen sei herzlich gedankt!

Nach diesem Schulungslager fühle ich mich bestens vorbereitet für die kommende Flugsaison. Der Sinn für besondere Flugzustände ist weiter entwickelt worden. Ich glaube, deutlich an Sicherheit gewonnen zu haben und bin fliegerisch neu motiviert. Der intensive Kurs im Frühling hat meine winterliche Trägheit schnell vergessen lassen. In einer Woche fliegerisch von 0 auf 200 zu kommen, ist ein guter Wiederbeginn der Segelflugsaison. Ich möchte den Besuch des BFK Kunstflug allen Piloten wärmstens empfehlen. Aus meiner Sicht ist dieser Kurs nicht nur als Einführung oder Weiterbildung in den Kunstflug notwendig, sondern auch allgemein für alle Streckenpiloten sinnvoll, weil extreme Fluglagen bekannt und gemeistert werden und früh in der Saison eine grosse Aufmerksamkeit entwickelt wird. Nun freue ich mich auf interessante Streckenflüge, werde überflüssige Höhe bei Gelegenheit und entsprechender Ausrüstung mit den erlernten Figuren vernichten und im Herbst bei nachlassender Thermik vielleicht weitere dazu lernen. Allen wünsche ich eine unfallfreie Flugsaison.

 

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